3 Weimarer Klassik: Das Ideal der Humanität


Weimarer Klassik: Das Ideal der Humanität

Weimarer Klassik: Das Ideal der Humanität
 
Die Weimarer selbst scheuten davor zurück, sich Klassiker zu nennen. Gleichwohl hat sich der Name »Weimarer Klassik« eingebürgert: Er bezeichnet, im Kern für die Jahre 1786 bis 1805, von Goethes italienischer Reise bis zu Schillers Tod eine Hochblüte der deutschen Literatur, den überragenden Rang ihrer Werke ebenso wie, besonders im Falle Goethes, die Ästhetik des Maßes und den Bezug auf das Vorbild der Antike. Andere europäische Literaturen erreichten ihre »klassischen« Perioden bereits in der Renaissance (Italien) und im 17. Jahrhundert (Spanien, Frankreich, England). Die zersplitterten deutschen Verhältnisse, die über kein geistig kulturelles Zentrum verfügten, sorgten auch für die »Verspätung« der literarischen Klassik. »Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige / Stehst du an des Jahrhunderts Neige«. Die Eröffnungsverse von Schillers Gedicht »Die Künstler« (1789) spiegeln die Hoffnungen und Ansprüche, die sich in Weimar sammelten: Hoffnungen auf den Menschen und Ansprüche an die Kunst. Beides ist nicht zu trennen: Die neu entdeckte, von Karl Philipp Moritz und Kant erstmals begründete Autonomie der Kunst ist ohne die Autonomie des Menschen nicht zu denken. Ästhetik, Anthropologie und Lebenskunst greifen ineinander.
 
Herder prägte dafür den Begriff der Humanität. Sein Hauptwerk, die »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«, in Arbeits- und Denkgemeinschaft mit Goethe entstanden, feiert die Humanität als Aufgabe des Menschen, den es einen »Göttersohn«, den »ersten Freigelassenen der Schöpfung«, ja einen »Gott der Erde nennt, und als Ziel der Geschichte, die alle Möglichkeiten und Fähigkeiten des Menschen entfalten wird. »Ich wünschte, dass ich in das Wort Humanität alles fassen könnte, was ich bisher über des Menschen edle Bildung zur Vernunft und Freiheit, zu feinern Sinnen und Trieben, zur zartesten und stärksten Gesundheit, zur Erfüllung und Beherrschung der Erde gesagt habe; denn der Mensch hat kein edleres Wort für seine Bestimmung, als er selbst ist, in dem das Bild des Schöpfers unsrer Erde, wie es hier sichtbar werden konnte, abgedruckt lebet.«
 
Herders Feld ist vornehmlich die Geschichte. Schiller siedelt seine Anthropologie in unmittelbarer Nähe zur Kunsttheorie an. Seine Ausgangsdiagnose ist die Entfremdung des Menschen von der Natur und von sich selbst, die Fragmentarisierung seiner Kräfte durch die moderne Arbeitsteilung, insbesondere die Kluft zwischen Verstandeskultur und Triebnatur. Gegen diese Kluft und damit auch gegen Terror und Barbarei der Französischen Revolution setzen die »Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« die Einheit stiftende Macht des Schönen. Schiller macht sich anheischig, die Schönheit »als eine notwendige Bedingung der Menschheit«, der Menschennatur, aufzuweisen. Dazu setzt er zwischen den sinnlichen Stofftrieb und den übersinnlichen Formtrieb, die die Doppelnatur des Menschen repräsentieren, einen Spieltrieb an, der eine freie Vermittlung ermöglicht, die weder die eine noch die andere Sphäre unterdrückt und damit erst den ganzen Menschen zu sich selbst bringt: »der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt«. Da der Gegenstand des Spieltriebs aber die Schönheit ist, wird diese »unsre zweite Schöpferin«. Der spielende, ganze Mensch freilich ist ein Ideal, eine Utopie. Wo es wirklich ernst wird, wo Gewalt oder gar Tod drohen und die Moralität ihre unbedingten Forderungen erhebt, muss der Mensch Energie und einen »rüstigern Affekt« zeigen, ein »absolutes moralisches Vermögen«. Zuständig dafür ist das Erhabene, der zweite Grundbegriff der Ästhetik, dem Schiller mehrere Schriften widmet. Das Erhabene treibt den Menschen »unwiderstehlich aus der Welt der Erscheinungen heraus in die Ideenwelt« und beweist das Prinzip der Freiheit, das in ihm wohnt. Eine Schule des Erhabenen ist die Tragödie. So erfährt der Betrachter angesichts des »Wallenstein«, wo ein tückisches Schicksal, von Wallenstein selbst entfesselt, die Welt mit Tod überzieht, seine Überlegenheit über das Schicksal, indem er den Zusammenbruch der Sinnenwelt als Forderung versteht, »sich in die heilige Freiheit der Geister zu flüchten«.
 
Für Goethe war Humanität klassische Lebenskunst. So stehen »Wilhelm Meisters Lehrjahre«, der Prototyp des deutschen Bildungsromans, unter der geheimen, von Spinoza inspirierten Losung »Gedenke zu leben«. Auch dies ist eine Formel für die Autonomie des Menschen. Wilhelm Meister durchläuft einen Prozess der Selbstfindung und Sozialisation, der ihn nicht nur von der falschen Hinwendung zum Theater befreit, sondern auch von einer pathologischen Disposition heilt, die sich in seinen Idolen ausdrückt, in dem unglücklichen Tankred aus Tassos Epos »Das befreite Jerusalem«, dem tragischen Hamlet, aber auch in Figuren des Romans: in Mignon und dem Harfner Augustin. Sie alle verkörpern das Werther-Übel, ein »Mal du siècle«: den abgründigen Weltverlust, das Versinken in die Innenwelten, die sich selbst untergrabende Melancholie. Heilung und Glück Wilhelm Meisters liegen darin, dass er, von Goethes Weltvertrauen geleitet, die Welt als »antwortendes Gegenbild« erfahren lernt. »Findet sich. .. in besonders begabten Menschen jenes gemeinsame Bedürfnis, eifrig zu allem, was die Natur in sie gelegt hat, auch in der äußeren Welt die antwortenden Gegenbilder zu suchen und dadurch das Innere völlig zum Ganzen und Gewissen zu steigern, so kann man versichert sein, dass auch so ein für Welt und Nachwelt höchst erfreuliches Dasein sich ausbilden werde.« Bilder des geglückten Weltkontaktes entwerfen auch die Idylle »Alexis und Dora« und das Epos »Hermann und Dorothea«. Selbst die »Farbenlehre«, das bedeutendste Werk des Naturwissenschaftlers Goethe, hat teil an dieser Denkfigur: »und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete«.
 
Johann Joachim Winckelmann, der große Wegbereiter des europäischen und des Weimarer Klassizismus, wurde für Goethe darüber hinaus zum Inbegriff antiker, klassischer Lebenskunst. Der »Winckelmann«-Essay von 1805 setzt ihm ein rühmendes Denkmal. Goethe feiert, gegen die Romantiker, Winckelmanns heidnischen Sinn, sein Festhalten an Gegenwart und Wirklichkeit, das Vertrauen auf sich selbst, die »unverwüstliche Gesundheit« im Genuss wie im Unglück, den Schönheitssinn - kurzum die antikische »Behaglichkeit innerhalb der lieblichen Grenzen der schönen Welt«. Sein genaues Gegenbild ist der »Faust«, dessen erster Teil, seit 1797 wieder vorgenommen, 1808 erschien. Das zeigt sich bis in den Wortlaut, wenn Goethe 1826 die Haltung Fausts resümiert: »Fausts Charakter. .. stellt einen Mann dar, welcher, in den allgemeinen Erdeschranken sich ungeduldig und unbehaglich fühlend, den Besitz des höchsten Wissens, den Genuss der schönsten Güter für unzulänglich achtet, seine Sehnsucht auch nur im mindesten zu befriedigen, einen Geist, welcher deshalb, nach allen Seiten hin sich wendend, immer unglücklicher zurückkehrt.« Als »modern« bezeichnet Goethe diese Gesinnung. »In jedem Kleide werd' ich wohl die Pein / Des engen Erdelebens fühlen.« Mit diesem Leitsatz kündigt Fausts Unruhe und fundamentale Unzufriedenheit jede Beschränkung druch die vorgegebene Welt auf, bis zum »Frevelwort« der Weltverfluchung, bis zur Flucht in die mephistophelische Weltbemächtigung durch Magie. Großes Unheil ist die Folge. Kein Zweifel: das »Faustische« gehört nicht zu den Idealen der Weimarer Humanität. »Faust I« ist ein Warnbild, in dem sich der Geist der Moderne spiegelt.
 
Die Humanitätsentwürfe der Weimarer Klassik kannten den Zeitgeist, sei er revolutionär, subjektivistisch, romantisch, ohne mit ihm zu paktieren. Ihr Stolz zielte auf Freiheit und Autonomie des Individuums. Damit antworteten sie auf die politischen Krisen der Zeit, stellten sie sich gezielt gegen und neben die Französische Revolution.
 
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings
 
 
Borchmeyer, Dieter: Weimarer Klassik. Portrait einer Epoche. Weinheim 21998.
 
Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, begründet von Helmut de Boor und Richard Newald. Band 6: Aufklärung, Sturm und Drang, frühe Klassik. 1740—1789. Beiträge von Sven Aage Jørgensen u. a. München 1990.
 Hölscher-Lohmeyer, Dorothea: Johann Wolfgang Goethe. München 1991.
 Schulz, Gerhard: Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration, Band 1: Das Zeitalter der Französischen Revolution. 1789—1806. München 1983—89.
 Schulz, Gerhard: Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration. Band 2: Das Zeitalter der Napoleonischen Kriege und der Restauration. 1806—1830. München 1983—89.

Universal-Lexikon. 2012.

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